Falls (und das bleibt fraglich!) in schweren Zeiten auch etwas Gutes liegen kann, dann ist es vielleicht die Zeit nach der schweren Zeit. Schwere Zeiten zeichnen sich ja meistens dadurch aus, dass sie uns aus dem (Alltags)-Tritt und -Trott bringen. Sie lassen unseren Boden, von dem wir annahmen, er sei uns sicher, (mindestens) wanken oder gar einstürzen. Es gibt nur noch wenig oder keinen Alltag mehr und alles was stattdessen ist, wirkt unberechenbar-furchteinlösend. Gar nicht verwunderlich also, dass viele von uns sich in Krisen-Zeiten hilflos, ohnmächtig und voller Angst fühlen. Ich finde es deshalb übrigens auch ziemlich ungeheuerlich, wenn wir Fachmenschen versuchen Menschen in Krisen, diese (doch ziemlich angemessenen) Gefühle aus und weg reden zu wollen. Stattdessen sollten wir sie (Gefühle und deren Menschen) nicht nur DA sein lassen, sondern ihnen auch den Raum geben, der ihnen gebührt. Je länger das Leben aus Sturm und Kampf besteht, desto größer wird die Sehnsucht nach Boden, Halt, Ruhe und Sicherheit. Viele von uns wünschen sich im Ausnahmezustand einfach nur Alltag. Vielleicht (wie gesagt: nur vielleicht!) liegt genau da nach der schweren Zeit eine Chance – sozusagen eine Alltags-Chance! 🙂 Wenn nach dem Sturm, die erste (noch unsichere) Beruhigung einkehrt. Wenn wieder ein wenig vom Alltäglichen möglich ist, dann kann der Zauber des Alltags passieren. Plötzlich wird das was vorher normal, selbstverständlich und vielleicht sogar lästig und anstrengend war, Ausdruck von wiedererlangtem sicheren Boden unter unseren Füßen. Wenn Zeit und Kraft wiederkehrt für Einkaufen, Kochen, Aufräumen und Wäsche waschen – dann sind das wunderbare Vorzeichen für das Sturmende. Und ganz ehrlich: Alltagszeiten sind toll! Wir vergessen es nur immer wieder. Besonders gut im Vergessen sind wir, wenn wir lange „(eigentlich) gute Zeiten“ hatten, und „normal“ selbstverständlich geworden ist. Dann passiert es, dass uns der Blick abhanden kommt für das beruhigend Schöne in unserem (nervigen) Alltag. In der Zeit nach einer schweren Zeit kann sich das Hund spazieren gehen, die Zeit für die Badewanne und im Café Kaffee trinkend lesen können wie FREIHEIT anfühlen. Und während ich also im Café lesend Kaffee trinke, spüre ich in mir eine tiefe Dankbarkeit für so viel Alltag! Da bist du ja wieder, wie schön! Her mit der miefigen Alltäglichkeit. Ich bin (wieder) bereit!
Ich wünsche euch allen ganz viel Alltag! 🙂
© Katjenka Wild
