Nach 80 Tagen „friendlymessage“ steht fest: Freundlichkeit hat Folgen – überraschenderweise (auch) für mich! Die friendly-Sache ist als Wildsche Gegenbewegung zum überstrapazierten Selbstfürsorge-Wahn und aktuell vorherrschenden Gegenleistungsanspruch gedacht. Selbstfürsorge ist gut, auf-sich-schauen prima und um-sich-selbst-kreisen gesund. Aber es ist wie mit allem: Es braucht ein Gegengewicht, ein Gegenüber und etwas, dass unser Streben begrenzt und in Relation setzt. Damit wir die Waage, das innere und äußere Gleichgewicht halten können, um nicht in Extremen zu leben, die werten, ausgrenzen und ungesund sind. Schon seit einiger Zeit begegnet mir (für meinen Geschmack) zu viel und sehr schnell die Fürsorge um das eigene Selbst und die Abgrenzung zum Anderen. Der Blick ist (fast) nur noch bei dem was das ICH will, braucht und davon hat. Ich wünsche mir (wieder) mehr Freundlichkeit für das Selbst des Anderen. Das mit den Wünschen geht ja erfahrungsgemäß am Besten, wenn man einfach selbst damit anfängt… Also: Machen! 365 Tage Freundlichkeit für meine Mitmenschen. Geben, schenken, Andere „sehen“ – ganz ohne die Erwartung von Gegenleistung oder persönlichem Nutzen. Was für ein Katlll-Abenteuer! Damit schien auch klar zu sein: Das diesjährige Zahlenprojekt wird wenig bis gar nichts mit mir zu tun haben oder mit mir machen. So weit der Plan und die Wildsche Vorstellung.
BAM – Falsch gedacht! Freundlichkeit schenken macht krass viel mit mir. Schon jetzt bewegt mich das Freundlichkeitsding mehr als alle vorherigen Jahresprojekte. Jeden Tag freundlich sein ist eine echt mutige und tiefe Angelegenheit. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, keine (nett gemeinten) abgedroschenen Kalendersprüche als friendlymessage zutarnen. Stattdessen sollen die Wildschen freundlichen Botschaften original-spontan-WILD sein – wild-echt eben! Das macht es anspruchsvoll und nicht immer ganz einfach. Schließlich bedeutet dies, dass ich jeden Tag freundliche Worte in mir aufstöbern darf-muss, um sie dann verschenken zu können (Findet ihr mal jeden Tag verschenkbar-taugliche Freundlichkeit in euch :-)) Der Wildsche Anspruch fordert mich jeden Tag heraus, meinen Blick für einen Moment von mir selbst zu lösen und stattdessen auf einen anderen Menschen (der mir nicht bekannt ist) zu richten: Was möchte ich „Mr. oder Mrs. unbekannt“ freundliches sagen? Was ist eigentlich „freundlich“? Und wann empfinden Menschen eine freundliche Nachricht überhaupt als friendly? Und dann laufe ich auch immer mal Gefahr in die Kalendersprüche-und-schlau-reden-Falle zu tappen. Hinzu kommt die bange Frage: Habe ich echt genug Freundlichkeit in mir, um 365 friendlymessages (jetzt noch 283) zu schenken?! Puh, we will see… Damit sind wir dann auch gleich bei der zweiten eindrücklichen friendly-Erfahrung: Katjenka ist freundlich zu anderen Menschen. Klar, kann ich das – manchmal auch ziemlich gut. Aber ich bin jetzt nicht unbedingt bekannt dafür, dass ich sehr freundlich-nahbar Jedem und bei jeder Gelegenheit, etwas von mir und meinem Innenleben zeige. Ein wenig strengt es mich also an, täglich bewußt einem anderen Menschen eine innere Freundlichkeit von mir zu hinterlassen. Bisher ist meine Erfahrung, dass ich die freundlichen Worte, die sich da in mir formen und zur Verfügung stellen, auch fühlen kann. Diese Erkenntnis bewegt mich und macht die friendlymessages zu etwas, dass ich von mir selbst schenke. Das ist eine große Nummer für mich. Für die unter euch, die mich kennen: Schön, wenn es euch noch nicht aufgefallen sein sollte – hab ich gut gemacht! Trotzdem fällt es mir (bis heute) nicht ganz leicht, viel und/oder etwas von mir zu zeigen (Katlll-Lebensprojekt). Und dann ist da noch die Sache mit dem Ablageort. Wo hinterlasse ich die friendlymessages ? Da dachte man (ich)anfangs, dass unzählige Möglichkeiten zur Verfügung stünden- gar kein Problem bei diesem Projekt. Ja, stimmt. Allerdings nur, wenn man den Bereich der rechtlichen Konsequenzen leichtsinnig außer Acht lässt. Noch nie habe ich mich bei einem Jahresthema so regelmäßig, oft und fast täglich gefragt: Darf man (ich) das eigentlich? Ist das noch erlaubt (friendlymessage an der Weihnachtsbeleuchtung der Stadt Schwandorf), nur ein bisschen „nicht ganz korrekt“(friendlymessage am Auto oder an der Mülltonne) oder schon verboten (friendlymessage in einem fremden Garten ablegen)? Dem Wildschen Ehemann erinnere ich deshalb in sehr regelmäßigen Abständen daran, dass es sein kann, dass er mal einen Anruf bekommt, weil dass mit meiner Freundlichkeit vielleicht nicht ganz „sauber“ war. Und dann muss er mir bitte helfen. Er sagt: Geht klar! In diesem Zusammenhang finde ich es wirklich mutig von mir, dass auf jeder freundlichen Nachricht hinten mein Logo mit Webseiten-Angabe prangt. Das ist ja fast wie eine „Selbstanzeige“! JA, ich stehe zu meiner Freundlichkeit!
Übrigens ist es wunderschön sich den ganzen Tag vorstellen zu können, dass meine freundlichen Worte vielleicht einen anderen Menschen kurz schmunzeln lassen. Und wenn es richtig toll läuft, dann erwischt die friendlymessage einen Menschen, der es gerade wirklich gut gebrauchen kann. Das wünsche ich mir jeden Tag und fühlt sich wunderschön an. Schon jetzt bin ich dem friendlymessage-Projekt sehr dankbar für die gestellten Herausforderungen, bereits geschenkten Erfahrungen und evtl. habe ich ein klitzekleines bisschen Bedenken was die kommenden 283 Projekttage noch bringen werden – denn Freundlichkeit hat Folgen! 🙂
Viel Freundlichkeit für euch!
© Katjenka Wild